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Kantorei

26. Juni 2020: Eröffnung des Leichlinger Orgelsommers
"Verkündung Pur" – Eindrücke vom Eröffnungskonzert des Leichlinger Orgelsommers 2020
An der Orgel: Andreas Meisner

Die Kanzelorgel in der evangelischen Kirche, in der damaligen Ära Udo Follert von der Berliner Orgelwerkstatt Schuke erbaut, ist nur ein Jahr älter als die jetzige Klais Orgel im 17 km entfernten Altenberger Dom. Letztere wurde 1980 unter den damaligen Domorganisten Volker Hempfling und Paul Wisskirchen eingeweiht.

Andreas Meisner trat nur 5 Jahre später die Nachfolge von Hempfling, der einem Lehrruf nach Saarbrücken folgend, Orgel und die Domkantorei dem jungen Meissner überlies, an. Andreas Meissner, eine gewachsene bedeutende Gestalt musikalischen Schaffens unserer Zeit, wurde schnell über den Dom in Altenberg und die Philharmonie in Köln hinaus überregional geschätzt und bekannt. Diesen Künstler von beeindruckendem, musikalischen Format hatte unser Leichlinger Kantor Carsten Ehret mit Unterstützung der Freunde der Kirchenmusik als Gast gewinnen können, um den Orgelsommer zu eröffnen. Meisner beginnt den Abend mit
Bach‘s Fantasie und Fuge in g-moll. Sie fusioniert dank Meisners Spiel wie auch die nachfolgenden Stücke  dieses ersten Abends des Leichlinger Orgelsommers 2020 Organist, Orgel, Komponist, Publikum und  Klangraum zu einer einmaligen momentanen unwiederbringlichen Gesamtheit. Auch die nicht anwesenden Interessenten , die wegen Corona bedingt abgezählter Plätze und fehlender Anmeldung nicht in wartender Geduld noch auf frei werdende Plätze anderer ungeplant Abwesender warten wollten,  mögen sich in ihrer Abwesenheit gefragt, haben, wie es wohl in der Kirche klingen mag, wenn  Bachs Fantasie und Fuge  in g moll erklingt.
Die Klippen der Skepsis zwischen den Lehren Andreas Werckmeisters und den Verfechtern der pythagoreischen Spähren ewiger Harmonien scheinen Bach‘s Orgelfantsaien mühelos überbrücken zu können. Ferrucio Busoni schrieb in seiner Utopieschrift  „Ästhetik der Tonkunst“  u.a. in den Orgelfantasien (nicht in den Fugen) Bachs  eine enge Verwandtschaft zur „Ur Musik“ zu . Dieses „Ur“ in der Bach‘schen Kunst bringt Meisners ernster und zugleich schwungvoll energetisch konzentrierter Vortrag zu klanglichem Vorschein. Er lässt durch sein Spiel die von Busoni formulierte Freiheit in Bachs Werk erklingen.  
Von Deutschland nach Italien wechselte Meisner mit gänzlich anderer Registrierung und ruhigerem Pedal zum Largo in e moll von Antonio Vivaldi. Hohe feine Flötenlinien, unterlegt mit einem leichten unaufdringlich schwingendem Vibrato.  Meissner vermittelt mit der Königin der Instrumente die Vorstellungen von Göttlichkeit, Spiritualität und transformiert Klang in Verkündung. Ein sanft schreitender Bass im Pedal gibt Frieden, Halt und Entspannung.
Wieder in Deutschland: Beethoven! Klar! Auch ihn sieht Busoni in Sachen Befreiungslust von zwanghaften Musikgesetzen nahe an „Ur Musiken“. Der “romantische Revolutionsmensch“ Beethoven (Busoni), steuert das auch literarisch ungeübten Ohren bekannt vorkommende Adagio cantabile op 13, 2 bei, das mit seinen ruhigen gebundenen Läufen und dem geheimnisvoll einsetzenden zweiten Thema weiter zum Fühlen, Denken und baden in Klängen einlädt.
Im darauf folgenden Vortrag türmt Meisner Akkorde wie Cumulus Wolken und lässt sie alsbald zu Klangteppichen chromatisch aquarellisierten Klangfantasien  verschwimmen. Er hebt uns in Gedanken zu dem auf den auf Wogen schreitenden heiligen Franziskus, vertont vom berühmten  Ungarn „Liszt, Ferenc,“ wie Ungarn sagen würden.
Marco Enrico Bossi’s von Meisner kurzweilig vorgetragenes Scherzo mag wie auch viele Werke Bachs  für einige Keyborder elektronischer Popmusik der letzten 50 Jahre ein unerschöpflicher Fundus an Harmonien und Doppelgriffen und Läufen gewesen sein. Sprudelnd wie ein erfrischender Brunnen auf einem sommerlichen Marktplatz hören wir Meisners Orgelklang fröhlich und verspielt.
In Charles- Marie Widor‘s Andante Cantabile aus der IV Symphonie bringt Meisner die Leichlinger Orgel zum Singen. Wir hören Frankreich und manch einer mag an befreiende Revolutionsklänge denken, die unsere Freunde in Europa in ihrer Hymne verankert zu haben scheinen.
Das Konzert verbleibt und endet in Frankreich mit dem Schüler Widors, dem Titularorganisten der Notre Dame, Louis Vierne. Mit seinem Carillon de Westminster hören wir den Big Ben der City auch in Leichlingen mit französischem Accent. Die Toccata in h-moll des Landsmannes von Widor,  Eugene Gigout, die Meisner dem ausgiebig applaudierendem Publikum als Zugabe schenkt, lässt einmal mehr erahnen, welche Potentiale   Busoni‘scher oder Mattheson‘scher ästhetischer Vollkommenheiten  und Freiheiten an improvisierter Virtuosität in der Klang- und Tonkunst von Orgel und Organisten in diesem ersten Klangbad des Leichlinger Orgelsommers  gelegen haben.  Etwas über 60 Minuten Gefühle, ja vielleicht auch solche ewiger pythagoreischer Harmonien, oder dessen, was wir uns heute hierunter vorstellen mögen. Meisner bot den ca. 60 Anwesenden „Verkündung pur“. Ohne Worte!
Jens Weber