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RHEINISCHE POST VOM 1. August 2017

Orgelsommer: „Nüchternheit und Wahnsinn"
 

VON MONIKA KLEIN
LEICHLINGEN Eine große Bandbreite an musikalischen Stilen genossen die Besucher des dritten Konzerts im diesjährigen Leichlinger Orgelsommer. Der junge Organist Christian Seidler, den Kantor Carsten Ehret als Studienfreund aus seiner Mainzer Zeit vorstellte, hatte für sein Gastspiel auch seltener aufgeführte Stücke ausgewählt.
So beispielsweise Arnold Schönbergs Sonate für Orgel, die nur als Fragment überliefert ist und ohne jede Vorwarnung abbricht. Für die Zuhörer war dieses musikalische Wechselspiel zwischen Hauptorgel und Fernwerk an der Rückseite in der Tonsprache des frühen 20. Jahrhunderts definitiv das am schwers¬ten zugängliche. Während des Hörens erinnerte sich manche an Seidlers einführende Beschreibung: „Ein Stück zwischen Nüchternheit und gereiztem Wahnsinn." Aber ein kurzes, das in diesem Programm zwei ganz alte Kompositionen trennte. Effektvoll gestaltete Seidler zuvor die etwas theatralisch angelegte d-Moll Toccata von Dietrich Buxtehude, mit der er die Zuhörer gleich beim ersten Beitrag für sich gewann.
Und hinterher nutzte er die Variationen über „Mein junges Leben hat ein End'" von Jan Pieterszoon Sweelinck für eine Art Orgelführung.
Denn für diesen „Gipfelpunkt feiner Variationskunst" setzte er nach dem schlicht gespielten Choral zu Beginn viele unterschiedliche Registerstimmen der Schuke-Orgel ein. Von reicher Figuration bis zum ganz verhaltenen und besinnlichen „End"' reichte das Spektrum.
Im Zentrum des Konzerts stand die wundervoll transparent gespielte und lebendig gestaltete Triosonate d-Moll BWV 527 von Johann Sebastian Bach. Deutlich durch verschiedene Registerfarben unterschieden ließ der Organist die beiden   Melodiestimmen   auf der schreitenden Basslinie laufen, so ruhig, dass die vielen hübschen Verzierungen ihre volle Wirkung entfalteten.
Noch ruhiger nahm er den Adagio-Mittelteil als Dialog zwischen den beiden Orgelwerken vorne und hinten.
Und schließlich begeisterte er mit einem tänzerischen, pulsierenden dritten Satz dieser Triosonate im damals zukunftsweisenden empfindsamen Stil, der in der Zeit von Bachs Söhnen zu voller Blüte reifte. Sie dürfte also ganz nach dem Ge¬schmack von Carl Philipp Emanuel Bach gewesen sein, dessen dreisätzige Sonate in a-Moll ganz unterschiedliche Stimmungen aneinanderfügte.
Überbordende Lebendigkeit beim unvermittelt lossprudelnden Beginn, introvertierte Sinnlichkeit in der Mitte und pralles Vergnügen am satten Orgelsound zum Schluss, der eigentlich bereits zum Finale getaugt hätte.
Christian Seidler aber machte noch einen großen Sprung in die Romantik zu Max Reger. Den mittleren Satz dessen 2.Sonate d-Moll ließ er vom mystischen Klangnebel mit einsam-melancholischer Melodie gewaltig aufblühen, um mit einem hoffnungsvollen Choral abzuschließen