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Gastpredigt von Pfarrer Heribert Rösner

Predigt zu Matthäus 17,1-9 in Leichlingen am 3. So. n. Epiphanias, dem 25.01.2015

1 Sechs Tage später nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes mit sich und stieg mit ihnen auf einen hohen Berg, wo sie allein waren.
2 Dort veränderte sich vor ihren Augen sein Aussehen. Sein Gesicht begann zu leuchten wie die Sonne, und seine Kleider wurden strahlend weiß wie das Licht.
3 Auf einmal erschienen Mose und Elia; die Jünger sahen, wie die beiden mit Jesus redeten.
4 Da ergriff Petrus das Wort. „Herr“, sagte er zu Jesus, „wie gut ist es, dass wir hier sind! Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.“
5 Während er noch redete, kam plötzlich eine leuchtend helle Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke sprach eine Stimme: „Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn habe ich erwählt und auf ihn sollt ihr hören!“
6 Die Stimme versetzte die Jünger so sehr in Schrecken, dass sie sich zu Boden warfen, mit dem Gesicht zur Erde.
7 Jesus aber trat zu ihnen, berührte sie und sagte: „Steht auf! Habt keine Angst.“
8 Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus allein.
9 Während sie den Berg hinunterstiegen, sagte Jesus zu den drei Jüngern: „Sprecht mit niemand über das, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist!“


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
es ist viel von Freiheit in Bezug auf Gott und Religion die Rede gewesen in den letzten Wochen und Monaten. Seit Monaten kämpfen muslimische Fundamentalisten für die Befreiung Syriens von einem in ihren Augen gottlosen System und viele hunderte junge Männer und auch Frauen sind inzwischen aus den westlichen Staaten in dieses Kriegsgebiet gegangen, um ihren Traum von echter Glaubensfreiheit zu leben. Seit einigen Wochen gehen in Deutschland Tausende von Menschen auf die Straßen, die sich vor einer Islamisierung des „christlichen Abendlandes“ und einer Untergrabung der freiheitlichen Werte fürchten und nicht zuletzt wird seit den Anschlägen in Paris die Freiheit des Wortes gegen jede religiöse Einmischung hochgehalten.
Religion und Freiheit, das geht für viele nicht gut zusammen. Man liest es dieser Tage immer wieder.
Von dieser Problematisierung ist in dem für heute vorgeschlagenen Predigttext explizit erst einmal nicht die Rede. Dennoch glaube ich, dass wir dort einiges zum Verhältnis von Freiheit und Gottesglauben finden, wenn wir ihn in dieser Richtung befragen.
Wenn wir den heutigen Predigttext näher betrachten, stellen wir zuerst fest, dass es sich um eine etwas sperrige Geschichte handelt. Sie ist so bildhaft und steckt so voller Symbolik, dass sie fast keine richtige Geschichte mehr ist. Und in der Tat, die biblische Forschung
geht mehrheitlich davon aus, dass es sich bei unserem Predigttext um eine kunstvoll gefertigte Komposition handelt, die einen Bogen vom historischen Jesus von Nazareth zum auferstanden Jesus Christus zeichnen will.
Vielleicht, so wird manchmal vermutet, liegt ihr ein früher Auferstehungsbericht zugrunde, der immer weiter verändert wurde und irgendwann sogar einen Platz mitten in den Schilderungen aus dem Leben des Jesus von Nazareth gefunden hat.
Manche Theologen vergleichen diese Geschichte auch mit einer Ikone, einem kunstvoll gemalten religiösen Bild, das die Bedeutung Jesu symbolhaft herausstreicht.
In Anlehnung an diese Auffassung möchte ich Sie nun einladen, mit mir gewissermaßen ein paar Pinselstriche dieser Geschichte – ihre Andeutungen und Ausführungen, ihre Symbole und ihre Glaubensaussagen – zu betrachten und ihnen nach-zudenken.
Unser erster gedanklicher Streifzug führt uns in die Höhe. Wir folgen Jesus und seinen drei Jüngern auf den Berg hinauf. Ein Berg – das ist in der Bibel häufig ein Ort der Offenbarung, ein Ort der Begegnung mit Gott, gekoppelt an die Erfahrung von Freiheit. Mose und Elia, die ebenfalls in unserem Text vorkommen, hatten sich auch auf diesen beschwerlichen Weg gemacht. Der eine, um die 10 Gebote zu empfangen, der andere, um Gott selbst nach gefährlicher Verfolgungsjagd zu begegnen. Der erste bekam mit den 10 Geboten eine Anweisung, wie die vor den Ägyptern geflohenen Israeliten ihre neue Freiheit gestalten sollten; der andere wurde erlöst von seiner Angst und in neues Leben gesendet.
Oben auf dem Berg also darf etwas Neues erwartet werden. Davor aber liegt die Anstrengung. Bergsteigen selbst ist nun mal kein leichtes Unterfangen. Jan Rys, österreichischer Bergsteiger und Schriftsteller hat es einmal so formuliert: Das Bergsteigen wird durch die Existenz von Bergen sehr erschwert. Will sagen, die Freiheit fällt einem nicht einfach vor die Füße. Ihr Erwerb ist mit Anstrengung verbunden.
Oben angekommen hat es sich aber gelohnt. „Wie gut ist es, dass wir hier sind“, sagt Petrus zu Jesus. Seine Begeisterung kann der sicher nachvollziehen, der auch schon einmal auf dem Gipfel eines hohen Berges war. Über einem nur noch der Himmel, unter einem – vielleicht durch einen Wolkenteppich getrennt, aber auf jeden Fall weit weg – die gewohnte Welt. Hier oben kann man durchatmen und sich innerlich und äußerlich erholen, jenseits des Alltags, weit über den Sorgen und Mühen des täglichen Einerleis.
„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Doch halt, bei aller gefühlsmäßigen Sympathie für diese Liedzeile von Reinhard Mey, inhaltlich stimmt es nicht. Wahre Freiheit ist nicht grenzenlos, sondern sich ihrer Grenzen bewusst. Freiheit ist immer bezogen auf etwas oder jemanden. Eine grenzenlose Freiheit müsste im anderen immer eine Begrenzung und damit eine feindliche Einengung der eigenen Freiheit sehen.
Darum erscheint mitten in die Euphorie der Jünger hinein Gott selbst, verborgen in einer Wolke. Und er richtet ihre Gefühle aus. „Dies ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.“ So lässt er sich vernehmen.
Ich habe in den Verlautbarungen der Pegida-Anhänger, die das von ihnen sogenannte
„christliche Abendland“ verteidigen wollen, bislang keine Verweise auf biblische oder dezidiert christliche Glaubenssätze gefunden. Das macht mich nachdenklich.
Die IS-Kämpfer in Syren und im Irak verwenden das Wort Allah zwar sehr häufig, aber man bekommt den Eindruck, als ob sie den Namen Gottes nur dazu verwenden, um ihre eigenen Vorstellungen göttlich zu legitimieren. Zumindest in einem Interview habe ich gelesen, dass der jugendliche Salafist nicht mit den gemäßigten Imamen der benachbarten Moscheen sprechen wollte, weil das schon alte Männer seien, die sowieso keine Ahnung hätten. Wer nicht mehr hinhören will, wenn Menschen etwas über ihren Glauben sagen, hört der noch auf Gott?
Als Jesus mit seinen Jüngern wieder den Berg verlässt und sie sich gewissermaßen in die Alltagswelt bewegen, ermahnt er sie, vorerst nichts über ihr Erleben auf dem Berg zu erzählen. Das macht auf den ersten Blick keinen Sinn. Warum sollen sie nicht darüber reden – sondern erst nach seiner Auferstehung. Das war doch schließlich Gott, dem sie begegnet sind? Warum noch Zeit verstreichen lassen? Haben diejenigen, die nicht dabei waren, auch ein Recht darauf, alles zu erfahren?
Jesus ist es anscheinend wichtig, dass sie das auf dem Berg Erlebte und die noch kommende Auferstehung zusammen betrachten, vergleichen und daraus Schlüsse für den Glauben ziehen.
Glauben ist ohne den Verstand nicht zu haben. Martin Luther hatte beim Reichstag in Worms auf die Aufforderung seine Schriften zu widerrufen, geantwortet, dass er nur dann widerrufen wolle, wenn er aus der Schrift und mithilfe des Verstandes widerlegt werde. Nur die Bibel oder gar nur einzelne Teile daraus zur absoluten wörtlich verstandenen
Glaubenswahrheit zu erklären, reicht nach evangelischem Verständnis nicht. Der Verstand muss dazu kommen, muss nachfragen und abwägen, sich eine Meinung formen und diese dann zur Diskussion stellen. Das nenne ich den verantwortlichen Gebrauch der Freiheit.
Die im Glauben erfahrene Freiheit zieht das freie Nachdenken darüber nach sich. Freiheit heißt, dass es so oder so sein kann. „Prüfet alles und behaltet das Beste“, lautet die Empfehlung des Apostels Paulus. Was aber ist das Beste? Auf jeden Fall nicht das, was ein einzelner oder eine kleine Gruppe als Wahrheit hinstellt und sei diese aus noch so frommen Erwägungen heraus entstanden. Darum ist die Leitung der evangelischen Kirche, auch der KSV, dem anzugehören ich nun die Ehre habe, so eingerichtet, dass möglichst viele mitreden und -entscheiden können.

Schließlich noch ein letzter Gedanke, der dem Raum gewidmet sein soll, den die christliche Freiheit bespielt: Der Predigttext versucht zusammen zu denken, was nur schwer zusammen gedacht werden kann. Nämlich die Menschlichkeit und die Göttlichkeit Jesu. Darum gehört dieser Text aus der Bibel auch traditionell ans Ende des Weihnachtsfestkreises, an den sich der Osterfestkreis anschließt.
Feiern wir mit dem Weihnachtsfest die Menschwerdung Gottes, so erinnern wir uns zu Ostern an die Auferstehung Jesu, an die göttliche Erlösungstat.
Jesus ist, so lehrt es ein altkirchliches Bekenntnis, wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. In unserer Geschichte ist da der vom Licht umhüllte göttliche Gottessohn und andererseits der sehr menschliche Jesus, auf dessen schmerzhaften Kreuzestod verwiesen wird.
Gott ist der Höchste und der Niedrigste zugleich, hat Luther in einer seiner Vorlesungen ausgeführt. Der Höchste, weil er alles geschaffen hat. Der Niedrigste, weil er sich mit dem am Kreuz leidenden Menschen identifiziert hat.

Es ist viel zu hören und zu lesen in diesen Tagen über das Recht, seinen Glauben zu verteidigen bzw. Gottes Recht und Gebot koste es was es wolle durchzusetzen und andererseits wird auf das Recht gepocht, die eigenen Gedanken unbedingt aussprechen und öffentlich machen zu dürfen, koste es was es wolle.
Das eigene Recht, die Betonung der eigenen Sichtweise wird – ob im Namen Gottes oder im Namen der Freiheit – besonders betont.
Ich frage mich, ob diese Sichtweise, die vor allem die eigene Position stärkt und das eigene Recht in den Vordergrund stellt, am christlichen Gottesbild geschult ist.
Der christliche Gott, der Vater, Sohn und Heiliger Geist ist, ist Höchster und Niedrigster zugleich. Das heißt, er steht nicht nur auf der Seite derjenigen, die sich auf seine Größe und Schöpfungsmacht berufen. Er steht auch auf der Seite derjenigen, die beschimpft und verurteilt werden, die leiden und die damit ungewollt auf seine Niedrigkeit im Kreuz erinnern.
Gott in seiner ganzen Größe erkennen, heißt ihn als den Schöpfer anzuerkennen und ihn gleichzeitig ganz unten mitten im Leid und in der Not zu erkennen. Auch darum hat Jesus seinen Jüngern verboten, von ihren Erlebnissen auf dem Berg zu berichten. Dieser ins helle Licht getauchte Jesus ist nur die halbe Wahrheit.
Der andere Teil der Wahrheit geschieht in der Passionsgeschichte. Was nicht einfach zu verstehen ist und unserer Vorstellung von Gott immer noch entgegenläuft.
Sehen wir: Es sind genau diese drei Jünger Jesus – Petrus, Jakobus und Johannes – die Jesus mit sich in den hinteren Teil des Gartens Gethsemane nimmt, als er sich zurückzieht, um in Todesangst zu beten. Doch während die Jünger auf dem Berg ganz wach und begeistert waren, schlafen sie in Gethsemane ein.
Ihnen gelingt es anscheinend nicht, die gleiche Aufmerksamkeit für diese Seite Jesu aufzubringen wie damals auf dem Berg.
Sich als Kritiker, Richter oder Henker über andere aufzuspielen, im Namen Gottes, das geht immer noch leichter als sich solidarisch mit den Verfolgten und Leidenden zu zeigen.

Gott soll ich, um in den Bildern des heutigen Predigttextes zu sprechen, oben auf dem Berg antreffen in all seiner Herrlichkeit und ich soll ihn ganz unten im Tal, in der dunkelsten Ecke suchen. Göttlich und menschlich zugleich, das ist der Gott, der uns in Jesus Christus nahe gekommen ist.
Dieser Gedanke, richtig verinnerlicht, kann und muss einen Perspektivwechsel einläuten. Es wäre die einzig richtige Perspektive. Es wäre die Perspektive des Friedens. Eines göttlichen und eines menschlichen Friedens, der darum echte Freiheit ist.
Amen