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Rheinische Post vom 16. Juli 2012

Orgelsommer: Schoeners kleinteiliger Klangspaß

VON MONIKA KLEIN

LEICHLINGEN Ein geistliches Programm schien es nicht zu sein, das Christoph Schoener für sein Gastspiel im diesjährigen Leichlinger Orgelsommer zusammengestellt hatte. Auf den ersten Blick jedenfalls.
Dass dennoch in jedem Stück auch eine geistliche Dimension steckte, erklärte der Kirchenmusikdirektor an der Hamburger Michaeliskirche, noch bevor er die Stufen zum Orgelspieltisch hinaufstieg. „Ich bin ganz gerührt", gestand er beim Anblick so vieler bekannter Gesichter aus seiner Zeit als Kantor an der Opladener Bielertkirche. Die hatten vielleicht auf die ganz dicken Brocken der Orgelliteratur gehofft statt dieser kleinteiligeren Programmfolge.

Satter Klang bei Bach
Aber spätestens bei der Nummer 564 des Bachwerkeverzeichnisses, bei Toccata, Adagio und Fuge C-Dur konnten sich alle Besucher sicher sein, heute ganz große Musik erleben. Mit sattem Klang eröffnete Schoener den Dreiteiler. Die durchschlagende Wirkung hatte er durch die deutlich abgesetzten Eingangsstücke gut vorbereitet. Gerade war ein ganz zart und kammermusikalisch registriertes Variationswerk, Bachs Aria variata alla maniera italiana, verklungen. Und begonnen hatte er seinen Leichlingen-Besuch nach 18 Jahren mit der ernsthaften, wenn auch zunehmend mit Girlanden umrankten Fantasia chromati-ca des Niederländers Jan Pieterszoon Sweelinck, dessen 450. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Und dann folgte diese makellose Toccata, durchschlagend und doch wendig mit durchgespannten Pausen.
Ein zauberhaftes Adagio im italienischen Stil ließ kurzfristig den verregneten Sommer vergessen. Und dann folgte eine ganz klar artikulierte Fuge, in der alles offen gelegt wurde, was Bach so kunstvoll ineinander verflochten hat.
Auch wenn danach noch eindrucksvolle Hörerlebnisse ganz anderer Art folgten, hier war sicher der Höhepunkt eines durchweg erfreulichen Wiederhörens, „Benutzerfreundlich" beschrieb Christoph Schoener selbst die folgende Transkription einer Komposition von Franz Liszt, eingängige und leicht nachvollziehbare Programmmusik, zumal mit dem Titel vor Augen: „Der Heilige Franziskus von Padua auf den Wogen schreitend".

Etwas Buxtehude zur Erholung
Doch vor dem sanften Auftritt des Heiligen, unter dessen Füßen sich das Wasser beruhigte, entfachte der Organist erst einmal die Naturgewalten und flutete die Kirche mit Klangwellen. Zum Abschluss schließlich erlaubte er sich einen Klangspaß, bei dem auch noch bisher nicht genutzte Registerfarben zum Einsatz kamen. Die „Variations on America" von 1891 des damals 16-jährigen Charles Ives verwursten die bekannte Melodie, die auch im amerikanischen Kirchengesangbuch zu finden ist, ebenso verwegen wie kunstvoll.
Ein wenig Buxtehude zur Erholung machte sich da als Zugabe ziemlich gut.

 

 

Kölner Stadtanzeiger vom 16. Juli 2012

Launige Einführung; große Ruhe und Präzision

ORGELSOMMER  Christoph Schoener, ehemaliger Kantor an der Opladener Bielertkirche, tritt als Interpret hinter der Musik zurück

VON CHRISTIANE DOHMSTREICH
„Als ich das Programm machte, wusste ich nicht, wie gut das zum Wetter passt", stellt Christoph Schoener trocken einen Teil seines Programms beim Leichlinger Orgelsommer vor. „Der Heilige Franziskus von Padua auf den Wogen schreitend" heißt das Stück, komponiert von Franz Liszt, eigentlich für Klavier, von Schoener in einer Transkription von Wolfgang Sebastian Meyer für Orgel gespielt. Auch zum Werk, das er am Schluss spielen wird, gibt er eine launige Einführung: „Über die Melodie möchte ich nichts sagen, außer: Sie müssen nicht aufstehen." Charles Ives' „Variations on America" umspielen die Melodie der britischen Nationalhymne.
Aus zwei gegensätzlichen Teilen besteht das Programm des ehemaligen Kantors an der Bielertkirche in Opladen, der seit 1998 an der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis Kirchenmusikdirektor ist. Im ersten Teil geht es eher ernst und zurückhaltend zu. Bei Franz Liszt und Charles Ives hingegen herrschen Spiel- und Effektfreude. Gelegentlich fragt sich der Zuhörer vielleicht auch, ob zumindest bei Ives auch ein wenig Ironie mitspielt.
Große Ruhe und friedliche Ergebenheit klingen bei Schoener aus Jan Pieterson Sweelincks Fantasia chromatica. Er tritt als Interpret hinter der Musik zurück und gibt ihr den notwendigen Raum. Auch bei den ihrer Zeit voraus greifenden Akkordfolgen Johann Sebastian Bachs in der Aria variata in italienischer Manier ist er in erster Linie Diener des Werkes.

„Ich hätte noch einen kleinen Buxtehude zur Erholung“
Schoener vermittelt den Eindruck, immer genau zu wissen, was er tut. Vor allem bei Bachs Toccata, Adagio und Fuge in G-Dur. Das große Pedalsolo der Toccata spielt er mit selbstverständlicher Sicherheit und Präzision, offenbart die Größe der Musik beim Adagio unsentimental, fast streng, und lässt das Thema der Fuge sich majestätisch entfalten und von den Ton für Ton gestalteten Läufen selbstverständlich tragen. Dieser Bach hat in Bezug auf den Interpreten etwas von Understatement und ist musikalisch einfach großartig.

Listzs Franziskus muss über wilde Wogen schreiten, bebildert durch Läufe und Arpeggii. Christoph Schoener bewältigt die Wellen virtuos und mit großer Spielfreude. Bei Ives' Variationen steht niemand auf, als die Melodie der britischen Nationalhymne ertönt, aber manche singen heimlich leise mit. Im Laufe des Stücks gibt es Stellen, wo Zuhörer vielleicht froh sind, die Ausgangstonart mal wieder zu hören - das Spiel mit zwei Tonarten während der Interludien könnte man unter Unständen als kleine Bösartigkeit verstehen.

Schoener hat hörbar Spaß an diesem Variationsspiel, an den jahrmarktähnlichen Klängen oder dem Polonaise-Teil genauso wie an den spektakulären Pedalläufen, die er souverän darbietet. „Ich hätte noch einen kleinen Buxtehude zur Erholung", sagt der Kirchenmusikdirektor, nachdem er immer wieder mit Applaus zur Emporenbrüstung gerufen worden ist. „Für Sie." Er scheint, das nicht zu brauchen.